Dienstag, 30. April 2013

Denker der Weltgesellschaft II: John W. Burton



Die 1972 von dem australischen Politikwissenschaftler John W. Burton (1915-2010) vorgelegte Monographie „World Society“ ist eine der frühesten expliziten akademischen Auseinandersetzungen mit dem Konzept und den verschiedenen Dimensionen und Facetten der Weltgesellschaft.

Burton sah die Entwicklung hin zu einer Weltgesellschaft spätestens mit dem 20. Jahrhundert als vollzogen an. Die rasanten Fortschritte und Entwicklungen im Transportbereich, bei den Kommunikationstechnologien, den Verbreitungsmedien (Bücher, Zeitungen etc.), aber auch im Tourismus und der Migration, hätten einen beständigen – nie abbrechenden – Austausch unabhängig von Staatsgrenzen etabliert, der die Rede von einer Weltgesellschaft legitim erscheinen lasse. Hinzu trete eine zunehmende Wahrnehmung der Welt und Menschheit als ein zusammenhängendes Ganzes. Die Weltgesellschaft sei zwar kein politisch integriertes Ganzes, da sie in sich durchaus eine Vielzahl von Staaten, Nationen und lokalen Gesellschaften beinhalte; sie sei aber auch nicht einfach restlos in diese kleineren Einheiten aufzuspalten. Überschritten und durchkreuzt würden diese von einer Vielzahl von Strömen und Interaktionen, etwa wirtschaftlicher, finanzieller, wissenschaftlicher, krimineller oder kultureller Natur, die ganz andere – funktional bestimmte – Räume entstehen lassen würden. Die Welt sei demnach weder in eine reine Staatenwelt, noch in ein reines Gespinst funktional definierter Systeme bzw. Netzwerke aufzulösen. Beides bestehe gleichzeitig bzw. mit- und ineinander und müsse entsprechend analysiert werden.

Anstatt den Blick also nur auf die Staaten und deren Interaktionen zu richten – wie dies in der politikwissenschaftlichen Subdisziplin der Internationalen Beziehungen durchaus üblich war/ist – sprach sich Burton nachdrücklich dafür aus, alle relevanten Beziehungen und Interaktionen zu beachten und diese zu kartographieren. Kommunikative Beziehungen erachtete Burton dabei als weitaus wichtiger für die Weltgesellschaft, als Machtbeziehungen.

Hätten sich die Internationalen Beziehungen lange Zeit mehr oder weniger exklusiv mit dem schematisch-modellhaften Verhalten sich an den Außenseiten berührender und gegenseitig an- und abstoßender Nationalstaaten beschäftigt (das sogenannte ‚billiard ball model’), müsse die Analyse der Weltgesellschaft alle Interaktionen – ganz unabhängig von räumlichen Grenzen – erfassen. Aufgrund der Vielzahl dieser Beziehungen, würde eine Karte der Weltgesellschaft wie eine wildes Gespinst sich überlagernder und ineinander verwobener Spinnennetze erscheinen (das sogenannte ‚cobweb model’). Doch nur so werde man der Komplexität der Weltgesellschaft gerecht und laufe nicht Gefahr, diese nur auf die Politik und insbesondere auf die Staaten hin zu vereinfachen.
Um die Komplexität analytisch in den Begriff zu bekommen, schlug Burton vor, sich verschiedene geographisch definierte Regionen vorzunehmen und nachzuzeichnen, welche Kommunikationsströme dort jeweils relevant seien und wie diese miteinander zusammenhingen.

In gewisser Hinsicht ist Burtons Arbeit in den Internationalen Beziehungen (IB) solitär geblieben. Er hat keine Schule begründet und die IB auch nicht einfach auf den Pfad in Richtung Weltgesellschaftsanalyse geführt. Dazu bewegte er sich wohl zu sehr jenseits der etablierten disziplinären Pfade.
Seine Kritik an einem reduzierten Verständnis der Welt als Staatenwelt war jedoch nachhaltig und ergänzte sich gut mit der zur selben Zeit erwachenden Globalisierungsliteratur. Auch den Regionalstudien konnte Burton wichtige Impulse verleihen. Oft übersehen wird hingegen die Bedeutung Burtons für eine alternative Kartographie, die sich nicht mit der möglichst korrekten oder objektiven Darstellung der geographischen Welt begnügt. Die Visualisierung grenzüberschreitender Ströme und Netzwerke, wie sie etwa in dem von der Le Monde diplomatique herausgegebenen Atlas der Globalisierung zu finden ist, hat Burton viel zu verdanken. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, Burton wiederzuentdecken.

Dienstag, 16. April 2013

Denker der Weltgesellschaft I: Alfred H. Fried

Der Publizist, Pazifist und Friedensnobelpreisträger Alfred Hermann Fried (1864-1921) war ein genauer und sensibler Beobachter seiner Zeit. Mit seiner Arbeit verfolgte er gleichzeitig ein klares politisches Anliegen: Krieg nicht nur zu verhindern, sondern unmöglich, ja widersinnig zu machen. Fried kritisierte die vorherrschende Anarchie zwischen den Staaten scharf und sah in dieser Ordnungslosigkeit die Hauptursache für Konflikte und Krieg. Um diesen Zustand zu bekämpfen, setzte er sich in zahlreichen Schriften für die Etablierung einer verbindlichen internationalen Rechtsordnung ein, die eine Organisierung der Staaten und schließlich die Ordnung des internationalen Zusammenlebens der Völker bewerkstelligen sollte.

Was Fried zu einem wichtigen Denker der Weltgesellschaft – im Sinne dieses Blogs – macht, ist seine Beobachtung und Beschreibung der Welt als ein bereits existierendes, zusammenhängendes soziales Ganzes, das gleichzeitig in verschiedene Bereiche differenziert ist.

Insbesondere in seinen beiden 1908 erschienenen Büchern „Die Grundlagen des ursächlichen Pacifismus“ und „Das internationale Leben der Gegenwart“, legte Fried scharfsinnige Analysen einer sich zur Jahrhundertwende dramatisch verkleinernden, aber dennoch nicht automatisch friedlicher werdenden, Welt vor: Als wichtigsten Impuls der prognostizierten Weltverkleinerung erachtete Fried die rasante technologische Entwicklung, insbesondere in den Bereichen der Warenproduktion, des Transports und der Kommunikation. „Die Maschine hat den Weltverkehr gezeitigt und dieser hatte die Weltwirtschaft, den Welthandel, die Weltpolitik zur Folge.“ Hier natürlich auch Karl Marx folgend, stellte Fried fest, dass der Warenverkehr und das Kapital schon lange keine Heimat mehr kennen würden und auch die Arbeitsteilung sich längst auf die internationale bzw. Weltebene verlagert habe – mit allen positiven und negativen Konsequenzen. Auch die Wissenschaft operiere unabhängig von Grenzen. Zwar nur langsam aber dennoch merklich spürbar, zöge nun auch das Denken und Fühlen nach; Fried spricht in diesem Zusammenhang vom Erwachen eines internationalen Empfindens und einer internationalen Solidarität, die irgendwann in einen Weltpatriotismus einmünden könnten (und müssten).
Und dennoch scheine die „Weltpolitik“ trotz all dieser Tendenzen und Entwicklungen weiterhin vor allem um das anarchische Treiben der einzelnen Staaten zu kreisen – zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung. Fried vermutet hier ein „Problem der geistigen Optik“, denn schließlich hätten sich auf der Weltebene bereits verschiedenste Organisationen und Konventionen herausgebildet, die sich der Regelung unterschiedlicher dort angesiedelter Belange und Probleme widmeten. Er nennt die Weltpostunion, das Internationale Rote Kreuz und viele andere Organisationen aus den Bereichen Verkehr, Handel, Rechtspflege, Polizei, Wissenschaft, Sozialpolitik, Agrikultur, Politik und Krieg, die allesamt aktiv an der (Ver-) Regelung der Welt teilhätten. Dazu komme eine internationale, ja weltweite Verwaltung mit eigenen Beamten und eine weltumspannende Diplomatie als ständigem Organ der Staatengemeinschaft. Während sich also verschiedene gesellschaftliche Sphären – und insbesondere der „private“ Bereich – unabhängig von staatlichen Grenzen rapide ausdifferenzieren und verfeinern, nehme die politische und rechtliche Organisation und Integration der Welt ebenfalls zu. Differenzierung und Integration würden so – ganz im Sinne des Soziologen Herbert Spencer – ineinanderspielen.
Paradox sei bei all dem lediglich, dass die Menschheit zwar schon seit geraumer Zeit an einer Weltorganisation mitarbeite, ohne sich dessen jedoch gewahr zu sein. Was laut Fried wohl noch fehle, „um dieses Bauwerk der internationalen Organisation auch weiteren Kreisen sichtbar zu machen, das ist eine ihre Existenz veranschaulichende Fassade. Darunter verstehe ich eine Organisation der bereits vorhandenen Organisationen“.

Den nach dem Ersten Weltkrieg verwirklichten Völkerbund sah er jedoch äußerst kritisch. Für eine wirkliche Befriedung und Organisierung der Staatenwelt könne der Völkerbund aufgrund seiner mut- und zahnlosen Konstruktion nicht sorgen. Die Geschichte sollte ihm bekanntlich Recht geben.

Fried hat bereits zur Jahrhundertwende viele Themen und Begriffe der erst Jahrzehnte später einsetzenden Weltgesellschafts- und Globalisierungsdebatte vorweggenommen. Seine Analyse sich ausdifferenzierender und grundlegend grenzüberschreitender Gesellschaftssphären ist luzide, auch wenn er die gleichfalls angenommenen politischen und rechtlichen Integrationsschritte auf weltgesellschaftlicher Ebene sicherlich überbewertet hat. In jedem Falle waren diese Entwicklungen, ähnlich wie die Annahme eines zunehmenden internationalen Empfindens, historisch gesehen wesentlich weniger tragfähig und befriedend, als Fried und viele andere Zeitgenossen sich dies erhofft hatten.

Bedenkenswert bleibt in jedem Fall die Diagnose eines Problems der „geistigen Optik“. Auch wir sind heute an vielerlei Handlungen und Vorgängen beteiligt, die keine Rücksicht auf Staatsgrenzen nehmen. Wir haben Teil an weltgesellschaftlichen Kommunikationen und Transaktionen, ob nun in der Sphäre der Kultur, der Religion, des Sports oder des Arbeitens und Wirtschaftens. Wir leiden auch mit Menschen in entfernten Weltregionen mit, denen Ungerechtigkeit und Leid widerfährt. Wir gehen für diese auf die Straße, sammeln Unterschriften oder spenden Geld.
Nur selten wird uns jedoch unser weltgesellschaftliches Verflochtensein wirklich bewusst. Viel öfter denken wir letztlich dann doch in nationalstaatlichen Kategorien und verbauen uns so den Blick auf die Chancen und Probleme der Weltgesellschaft.

Dienstag, 9. April 2013

Warum Weltgesellschaft?


Zunächst nochmals zu einer für diesen Blog grundlegenden Frage (zu der es sicherlich immer wieder kritisch zurückzukehren gilt): Warum sollte man überhaupt von einer Gesellschaft im Singular, zumal von einer Weltgesellschaft, sprechen? Ist die Welt nicht vielmehr – und für alle offensichtlich – in verschiedene, ganz überwiegend nationalstaatlich verfasste Gesellschaften unterteilt?

Eine solche Sichtweise würde nur Sinn machen, wenn man beobachten könnte, dass alle maßgeblichen Bereiche der Gesellschaft – etwa Wirtschaft, Religion, Recht, Politik, Sport etc. – an den Grenzen der jeweiligen Nationalstaaten halt machen und durch den jeweiligen Staat effektiv und abschließend geregelt würden. Dann ließe sich eine Welt denken, die ganz aus nebeneinander aufgereihten Staatengesellschaften bestehen würde.

Doch dies widerspricht gleich in mehrerlei Hinsicht unseren alltäglichen Erfahrungen und Beobachtungen. Viele - wenn nicht die meisten - Kommunikationen und Handlungen nehmen keine Rücksicht auf Staatsgrenzen, sondern überschreiten bzw. unterlaufen diese mühelos. Wirtschaft, Religion oder Sport haben sich längst als grundlegend transnationale, wenn nicht weltweite Zusammenhänge etabliert; ebenso finden sich verschiedene Anzeichen für die Herausbildung eines transnationalen oder globalen Rechts. Wirtschaft ist (immer auch) Weltwirtschaft, Religion Weltreligion, Sport Weltsport usw. usf. All diese (Funktions-) Bereiche haben den Staat hinter sich gelassen, auch wenn sie in mancherlei Hinsicht immer wieder auf ihn und seine Leistungen angewiesen sind oder sie ihn für sich nutzbar zu machen versuchen. 
Die Gesellschaft - verstanden als der kommunikative Gesamtzusammenhang dieser verschiedenen funktionalen Teilbereiche - geht also nicht (mehr?) im Nationalstaat auf. Das macht den Staat natürlich nicht obsolet, es macht nur keinen Sinn, diesen als Container für Gesellschaft zu erachten. Die verschiedenen Staaten, die die (welt-) politische Sphäre nach wie vor maßgeblich - wenn auch nicht länger exklusiv - prägen, agieren allesamt in einer Gesellschaft, der Weltgesellschaft

Da das weltpolitische System nicht als Weltstaat verfaßt ist und auch keine zentrale Weltregierung aufweist, ergeben sich aus dieser Konstellation diverse Konsequenzen und Probleme, die im Rahmen dieses Blogs immer wieder zum Thema gemacht werden sollen.

Dienstag, 2. April 2013

Wundersame Weltgesellschaft - Worum geht es hier eigentlich?

Der Blog widmet sich den vielen wundersamen Seiten der Weltgesellschaft. 

Weltgesellschaft bedeutet, dass man nach der kommunikativen Vollerschließung der Welt nur noch sinnvoll von einer Gesellschaft sprechen kann. Diese Gesellschaft ist jedoch alles andere als homogen oder irgendwie normativ integriert.
Die Rede von (universellen) Menschenrechten ist in der Weltgesellschaft zwar omnipräsent, trotzdem ist kein verbindliches Einverständnis über deren Gehalt, Geltung oder Reichweite herzustellen. 
Eine internationale Gemeinschaft (oder Weltgemeinschaft) wird in Krisensituationen oft angerufen und um Hilfe gebeten, doch niemand scheint genau zu wissen, wer oder was diese sei.
Auch humanitäre Interventionen werden im Namen der internationalen Gemeinschaft (und der Demokratie) geführt; die äußerst kontrovers ausgetragenen Debatten über Sinn und Unsinn dieser Eingriffe weisen zugleich auf einen tiefen Dissens in der über sie diskutierenden (Welt-) Öffentlichkeit hin.
Hollywood-Filme werden - ebenso wie Musik oder bestimmte Marken und Produkte - weltweit konsumiert, dennoch gleichen sich die verschiedenen Lebensstile und Identitäten nicht einfach in geordneten Bahnen aneinander an. Kulturelle Unterschiede werden nicht eingeebnet, sie werden komplexer und verwirrender.
Der weltökonomische Reichtum vermehrt sich rasant, doch die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer.
Die katastrophalen Folgen des menschengemachten globalen Klimawandels sind gemeinhin bekannt, dennoch lassen sich keine wirklich nachhaltig wirksamen Vereinbarungen zur Reduktion der Schadstoffemissionen auf globaler Ebene treffen.
Die Weltgesellschaft ist in viele verschiedene Bereiche differenziert, dabei aber widersprüchlich und gespalten. Sie ist ein schier undurchdringliches Dickicht bzw. Geflecht und dabei Quelle vieler Konflikte. Sie gebärt aber auch neue Möglichkeiten und Chancen. 

Der Blog beschäftigt sich insbesondere mit den politischen und politisch-kulturellen Phänomenen, Semantiken und Strukturen der Weltgesellschaft und versucht diese zu entschlüsseln und verständlich zu machen. 
Verschiedene Rubriken nähern sich unterschiedlichen Aspekten der Weltgesellschaft; neben Beiträgen zu aktuellen weltpolitischen Entwicklungen aus dem Blickwinkel der Weltgesellschaft, sollen hier insbesondere auch Begriffe und Konzepte unter die Lupe genommen werden, die zwar häufig in den politischen und massenmedialen Debatten verwendet werden, deren Gehalt aber höchst ambivalent ist. 
In regelmäßigen Abständen sollen zudem Akteure, Denker und Lenker der Weltgesellschaft vorgestellt und wichtige neue Bücher zum Thema besprochen werden.